Weichenstellung: Zurück zum Anfang

Die Welt ist heute eine andere. Wir befinden uns auf Distanz – zu uns selbst und unserer Umwelt. Wir haben die Unbeschwertheit unseres Seins verloren. Wir haben unser Vertrauen in unsere Unsterblichkeit verloren oder besser gesagt: Wir haben die Illusion unserer eigenen Unsterblichkeit verloren. Ein unsichtbares Virus hat uns, ohne uns zu fragen, mit der Endlichkeit unseres Lebens konfrontiert und damit die Büchse der Pandora geöffnet. Denn wenn unser Leben endlich ist, dann will es sinnvoll und sinnstiftend gelebt werden. Die Konfrontation mit der Endlichkeit des Lebens bringt uns, ob wir es wollen oder nicht, mit existenziellen Fragen in Berührung.

Natürlich können wir die Beantwortung dieser Fragen unterdrücken. Wir können auch die Fragen selbst verdrängen, von uns wegschieben, ignorieren – oder so tun, als sei nichts gewesen. Das sind dann die Stimmen, die schnell zurück zur Normalität wollen. Doch wie kann es eine Normalität geben, wenn existenzielle Fragestellungen plötzlich durch unser Bewusstsein geistern? Wie können wir ernsthaft über eine neue Normalität reden und uns fragen, wie diese aussehen kann, wenn wir den Sinn des Lebens unbeantwortet lassen?

Wir können das Neue nicht skizzieren, sehen und schon gar nicht manifestieren, wenn wir das Alte nicht in Würde haben sterben lassen. Genau das ist nämlich die Essenz einer Krise. Egal, ob die Krise auf körperlicher, geistiger oder seelischer Ebene erfolgt. Egal, ob die Krise wirtschaftlich, politisch oder gesellschaftlich zu verorten ist – die Systematik ist immer gleich. Bevor aus der Krise das Neue entstehen kann, muss das Alte gewürdigt und verabschiedet werden. Nur so wird Platz für Neues.

Wenn etwas Altes stirbt, kann dieses Alte nur dann gewürdigt werden, wenn wir den Prozess des Loslassens und Verabschiedens emotional fühlen können. Dieses emotionale Begleitgefühl nennt sich Trauer. In unserer Gesellschaft trauern wir im Privaten. Wir trauern leise – und manchmal auch gar nicht. Im unternehmerischen Kontext findet der Schmerz der Veränderung überhaupt keinen Raum, dabei ist jeder Change-Prozess immer auch eine Form der Krise. Kein einziger Change kann erfolgreich sein, wenn die existenzielle Krise, die in diesem Prozess steckt, nicht gewürdigt wird.

Es darf uns traurig machen, wenn Kolleginnen und Kollegen das Unternehmen verlassen. Wir dürfen traurig sein, wenn unsere Abteilung umstrukturiert oder eine riesige Entlassungswelle angekündigt wird. Trauer ist hierbei die menschlichste und empathischste Reaktion, die angemessen ist, wenn Menschen ihre Komfortzone verlieren, sich von Kolleginnen und Kollegen verabschieden müssen und dabei vielleicht selbst einer ungewissen Zukunft entgegenblicken.

Gerade jetzt wären unternehmerische Trauerrituale extrem hilfreich, um die Bedeutsamkeit und die Disruption der derzeitigen Situation deutlich zu machen. Die Welt ist heute eine andere und sie wird nie wieder so sein, wie vor der Krise. Auch das gehört zur Krise dazu. Krisen transformieren.

Wir stehen vor elementaren Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft. Doch bevor wir diese Veränderungen würdigen und proaktiv zum Guten gestalten können, müssen wir hinschauen und das in Trauer verabschieden, was wir verloren haben. Verloren haben wir die Unbeschwertheit menschlicher Nähe. Dieser Verlust zieht sich hinein bis in die Familien. Verloren haben wir die Leichtigkeit des Seins. Verloren haben wir auch die selbstverständliche Dekadenz mit der wir um die Welt gereist sind. Verloren haben wir die Illusion, der Tod würde an uns vorbeigehen. Verloren haben wir unsere Rechtssicherheit – und zumindest auch für den Moment viele unserer freiheitlichen Grundrechte. Verloren haben wir ebenfalls die Freude am unbeschwerten Feiern in großen Gruppen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Jeder Mensch kann und muss selbstverständlich für sich individuell entscheiden, ob die genannten Verluste das eigene Leben beeinträchtigen und sicherlich wird es viele geben, die manchen dieser genannten Verluste keine einzige Träne nachweinen. Und auch das ist eine Begleiterscheinung der Krise. Verluste werden individuell anders bewertet, und getrauert wird auf unterschiedlichen Ebenen. Einzig entscheidend dabei ist, dass der Prozess der Trauer überhaupt gelebt wird.

Und dafür muss es das Bewusstsein darüber geben, was wir unwiderruflich oder vorübergehend verloren haben. Erst wenn diese Klarheit besteht, kommt Ruhe ins System. Erst dann ist es möglich, eine neue Verbundenheit aufzubauen und sich selbst in der Welt neu zu positionieren und auszurichten. Erst nach dem Prozess der Trauer ist eine neue Normalität möglich und erst dann kann diese neue Normalität sinnstiftend gefüllt werden.

Wenn wir die Weichen neu stellen wollen – und zu etwas anderem lässt uns diese Krise gar keine andere Wahl –, dann brauchen wir die Trauer als eine reinigende Emotion, um danach alle Systeme und auch uns selbst neu zu starten.

Die Welt ist heute eine andere – und vielleicht ist das auch richtig gut so.

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